Das Schaferl, der Tod und das Leben

on Freitag, 20 Februar 2015. Posted in LebensWERT

 Die Schafs-Weisheit kommt erst ganz zum Schluss

Letzte Woche hatten meine Tochter Sarah und ich wieder einmal einen Spaziergang zu den benachbarten Schafen unternommen. Sie stehen in einem Offenstall bei einer alten Hütte. Der Bauer kommt ca. 2x monatlich um nachzusehen ob alles passt und füllt den Heuvorrat auf. Sonst ist die Herde auf sich gestellt und wirkt recht zufrieden.

 

Uns war schon das letzte Mal aufgefallen dass einige der Schafe solch dicke Bäuche hatten als ob sie jeden Moment platzen würden. In einigen Bäuchen war wohl nicht nur ein Lämmchen drinn ...

Beim heutigen Besuch lassen sich einige Schafe streicheln, wir unterhalten uns mit ihnen und tauchten in ihre Welt ein. In Frieden beobachten wir die drei Lämmer, die bereits geboren waren. Das Kümmern der Mutterschafe um ihre Junge war einfach nett anzusehen. Wie jedes mal verabschieden wir uns mit „Pfiateich Schafe".
Wir haben uns schon umgedreht, da hören wir plötzlich ein lautes Blöken aus dem Stall.

Einige Mutterschafe laufen hinein, kommen wieder heraus und gucken uns an. Ein schrille „Mäh!" kehrt wieder - und wieder laufen die Alten hin und her.
Ich beschließe nachzusehen, klettere über den Zaun und finde unterhalb eines Futtertroges ein schwaches, kleines braunes Schäfchen.
Ich trage es hinaus zur Mutter, die neben einem weiß-braungefleckten Lämmchen steht. Die Mutter läuft davon und wirkt gestresst weil mir das gefleckte Schaf (das Geschwister-Lamm) nachläuft.

Eine Zwillings-Geburt also, hab ich mir gedacht.

Das braune Schäfchen ist so schwach dass es nicht zu stehen vermag – ich erkenne dass es dadurch nicht schaffen wird zu trinken. Auch weil die Mutter nicht zahm ist und immer wieder flüchtet wenn ich mit dem Lämmlein näher komme.

Im Bruchteil weniger Sekunden stehe ich vor der Entscheidung der Natur ihren Lauf zu lassen oder das Lämmlein mitzunehmen und versuchen es so weit aufzupäppeln damit es stehen und dann in weiterer Folge trinken kann.

Ich hatte bereits gehört dass Mutterschafe kranke Schafe vergraulen und dachte „Vielleicht würde sich ja auch ein anderes Mutterschaf dem kleinen Lämmlein annehmen?"

Das Lamm mitzunehmen und für es zu sorgen fühlt sich klar und richtig an. Ich reiche Sarah das Schaferl über den Zaun und klettere nach.
Am Weg nach Hause kuschelt sich das Schaferl an meine Schulter, und mir wird klar dass dies ein Versuch ist der auch scheitern kann.

Ich telefoniere zu Hause mit Tierärzten und Schafbauern und stelle fest dass ich eine Ersatzmilch selber brauen muss, da im Umkreis zurzeit keine Lämmermilch zur Verfügung steht.
Wir freuen uns, als es nach einigen Besorgungen und dem Brauen der Ersatz-nahrung endlich trinkt. Es scheint ein wenig zu Kräften gekommen zu sein und macht erste Schritte am rutschigen Parkettboden in der Küche. Bald wird es wieder müde und schläft in seinem Not-Lösungs-Stall ein. In der Nacht weckt es mich ein paar Mal auf, ich lege mich zu ihm, leider trinkt es kein weiteres Mal.

Angst und Zweifel

Habe ich mein Bestes getan? Habe mich aus egoistischen Gründen eingemischt? Habe ich etwa sein Leiden verlängert?

Loslassen und Annehmen was ist

Der nächste Tag soll leider sein letzter sein. Das kleine Lämmchen wird immer schwächer und schwächer, hat Probleme mit dem Atmen und scheint trotz Wärmelampe langsam auszukühlen. Nach einigen schweren Stunden singe ich ihm ein Lied, in dem ich ihm danke und von meinem Schmerz erzähle und erkenne, dass es jetzt Zeit zu gehen ist. Die Melodie zeigt ihm den Weg ins Licht und erlaubt ihm sich auf zu machen. Ich lasse los ...

Sarah kommt von der Schule nach Hause und fragt natürlich sofort nach dem Lamperl. Ich erkläre ihr dass es jetzt bereit ist in den „Schafshimmel" zu gehen. Sarah beginnt zu weinen und wenige Minuten später stirbt das kleine Lämmchen nach dem letzten Aufbäumen.
Wenngleich eine gewisse Traurigkeit im Raum steht, kehrt auch Leichtigkeit ein.
Wir bringen es zu unserem kleinen Friedhof im Wald, wo schon andere Tiere ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Sarah besteht darauf dass Lämmchen dorthin zu tragen. Wir geben es Mutter Natur zurück und bedecken es mit Blättern.
Möglich, dass ein Fuchs sich von ihm ernähren kann. So erhält das Schaferl seinen Wert aktiv noch mal materiell "nährend" zu sein und in die natürliche Nahrungsmittelkette aufgenommen zu werden. Auf ganz natürliche Weise.

Wut

Ich bin wütend auf mich selbst. Hätte ich doch, ... anders gehandelt … Ich stelle fest allein zu sein. 

Traurigkeit in mir breit. Es ist, als würden die Gefühle zwischen Wut und Trauer ständig hin- und herzappen.

Trauer

Die nächsten 2 Tage kann ich das Schaf noch überall riechen, spüren und wahrnehmen. Es macht mich traurig, wütend und ich fühle mich verlassen. Eine schwere Leere macht sich in mir breit, und wieder bin ich traurig etwas verloren zu haben.

Leben - bin ich ein Teil des Plans?

Dann, nach diesen zwei Tagen beginnt sich etwas zu ändern. Sein Wesen nähert sich wieder, ich spüre es auf eine andere Art, es folgt mir wie ein kleiner Hund, springt umher, kuschelt sich an mich und ist überall „live" dabei.

Eine ganz besondere Verbundenheit besteht zwischen uns beiden und erhellt den Raum. 
Wie mit einem Krafttier kann ich mich mit ihm unterhalten, und ich erkenne dass der Tod nicht das Ende ist. Ein Übergang in ein anderes Leben, in ein anderes Sein. So wie die Geburt ein Übergang ins Leben ist. Und das ist schön.

Ich finde die Worte von Antoine de Saint-Exupéry:

Es wird aussehen, als wäre ich tot,
und das wird nicht wahr sein ....
Und wenn du dich getröstet hast,
wirst du froh sein, mich gekannt zu haben.
Du wirst Lust haben, mit mir zu lachen.
Und du wirst manchmal dein Fenster öffnen,
gerade so zum Vergnügen ...
Und deine Freunde werden sehr erstaunt sein,
wenn sie sehen, dass du den Himmel anblickst und lachst

Und wenn ich das Schaf frage, so antwortet es:

Wir sind Teil des großen Ganzen,

unsere Bestimmung ist es uns zu erfahren, uns auf Herzensebene zu treffen und uns dadurch zu entwickeln, uns zu befruchten und manchmal auch das uns gegenseitig zu geben was wir nicht durch unser Selbst und unsere Geschichte nicht bekommen.

Wenn wir wirklich geben können.

 Danke, liebes Schaferl!

 

 

 

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